Marquis (1989)

Niedriges Budget, viel nackte Haut und hanebüchene Storys sind hier vereint

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Marquis (1989)

Beitragvon DriesVanHegen » 12. Jan 2018 10:38

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www.youtube.com Video From : www.youtube.com


Originaltitel: Marquis
Herstellungsland: Belgien, Frankreich
Erscheinungsjahr: 1989
Genre(s): Drama, Komödie

Inhalt:
Nach der frevelhaften Schändung eines Kruzifixes fristet der berüchtigte Marquis de Sade sein Dasein als Häftling in der Pariser Bastille. Die Zeit nutzt er dafür, seinen schier unbegrenzten Vorrat an anzüglichen und sadistischen Gedanken zu Papier zu bringen und philophische Zwiegespräche über Kunst und Politik mit seinem übergroßen Geschlechtsteil namens Colin zu halten.
Während draußen die Revolution vorbereitet wird, soll drinnen der Marquis für die Vertuschung einer Verfehlung missbraucht werden, die auf den König von Frankreich höchstpersönlich zurückzuführen ist.
Quelle: OFDb.de


Meinung:
Donatien Alphonse François wusste schon zu Lebzeiten, wie man die Gesellschaft verstört und schockiert - der Lohn hierfür? Etwa die Hälfte seiner Lebensjahre durfte er aufgrund seines skandalträchtigen Lebens und Schaffens hinter Gittern verbringen. So verkannt, verachtet und mitunter auch gefürchtet François auch war, die große Anerkennung blieb ihm zu Lebenszeiten verwehrt. Als Philosoph nicht massentauglich, als Poet nicht ausreichend talentiert und als Schriftsteller zu abstoßend. Dennoch blieb sein Schaffen mitnichten ohne Spuren.

Der bürgerliche Name trügt leicht über den Umstand hinweg, mit welcher Figur der französischen Geschichte man es zu tan hat: es handelt sich um keinen Geringeren als den unfreiwilligen Namensgeber des Sadismus, den Marquis de Sade! Seine Ausschweifungen, sowohl literarischer als auch praktischer Natur, biedern sich gerade zu an, exploitativ umgesetzt zu werden. Die wohl bekannteste Verfilmung stellt Pasolinis DIE 120 TAGE VON SODOM dar in welchem eines sehr deutlich wird: überhaupt nur eine andeutungsweise werkgetreue Umsetzung des Stoffes lässt sich mit gängigen moralischen Normen und Werten nicht vereinbaren. Wer sich einmal mit der literarischen Vorlage auseinandergesetzt hat, wird bemerken, dass bei allem Ekel und aller Perversion in Pasolinis Werk nur, und wenn überhaupt, nur die Spitze des Eisberges angekratzt wird.

Diesem Umstand müssen sich Henri Xhonneux und Roland Topor sehr wohl bewusst gewesen sein, da ihre Verfilmung de Sadschen Stoffes einen gänzlich anderen Weg beschreitet. Auch wenn sich der hier besprochene MARQUIS mit Werken und Leben de Sades befasst, tut er dies auf eine erfrischende, fantasievolle, spielerische - kurzum surreale Art und Weise. Man kann diesen Umstand einerseits auf die Unverfilmbarkeit der Vorlage oder andererseits auf die Wegbegleiter Topors zurückführen. Dieser hatte mit niemand geringerem als Jodorowsky und Arrabal das Mouvement Panique gegründet.

So oder so wurde sich bewusst dazu entschieden, zwar Schauspieler agieren zu lassen, jedoch keine Menschen darzustellen, sondern ganz im Sinne der Fabel, vermenschlichte Tiere die Charaktere spielen zu lassen. Angelehnt an de Sades Intentionen und Denken wird so der Priester zum Kamel; der Revolutionstreiber zum Wolf; der Garnisonschef zum eitlen Gockel. Der Marquis höchstselbst wird ironischerweise zu einer der wenigen moralischen Figuren in Form eines treuen und verlässlichen Cockerspaniels. Der kritische Geist de Sades wurde somit auf herrlich subversive Art in den Zuordnungen der Persönlichkeiten und Tiere eingefangen und konserviert.

Inhaltlich wird sich teils mit de Sades Biografie als auch seinen Werken auseinandergesetzt, die Handlung wird aus inszenatorischen Gründen an den Vorabend des Sturms auf die Bastille verfrachtet und füttert diesen stärker mit einer aktiven Rolle de Sades an. Während er sich der Literatur und Schreiblust hingibt, liegt er oft mit seinem engsten und zugleich ärgsten Kritiker namens Colin im Clinch: sein übergroßes Gemächt meldet sich stets mit messerscharfer Kritik zu Wort. Während der Marquis möglichst in aller Ruhe seinen Schriften nachgehen möchte, braut sich um ihn herum eine Verschwörung auf, die wohl in einer Revolution gipfeln könnte...

Dabei entstanden ist letztendlich ein fabulöser Politthriller, der sich verspielt und herrlich schwarzhumorig gibt, aber dennoch nicht davor zurückschreckt, sich de Sades Grausamkeiten zu stellen. Allerdings wird auch hier wieder bewusst Distanz ermöglicht, in dem diese Passagen als Stop-Motion Knetanimationen eingestreut werden. Bei all der Verfremdung fällt es schwer von klassischen Spielfilmschauspielerei zu reden. Vielmehr punkten pointierte Dialoge, Szenarien und nicht zuletzt die teils übertriebene, aber immer dem Zweck entsprechende Gestik der Darsteller.

Höhepunkte sind zum Einen die intelligent versteckte Kritik an Kirche und Gesellschaft, zum Anderen all die Liebe zum Detail bei der Gestaltung der Sets, den Tiermasken und den Persönlichkeiten. Man könnte sogar attestieren, dass vielmehr das Unsichtbare und Intendierte den Film so solch einem Genuss werden lässt. Abgerundet wird alles durch die herrlich bissigen Dialoge mit ihrer verfremdeten und dennoch bizarren brodelnden Sexualität. Ich verspreche: die Hummerszene wird niemand vergessen.

Es bleibt festzustellen: kindlich anmutendes Tiertheater, was man jedoch aufgrund seines Subtextes und der doch gar garstigen Grausamkeiten (trotz aller bizarrer Verfremdung) wohl eher älteren Zuschauern empfehlen sollte.
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Re: Marquis (1989)

Beitragvon horror1966 » 12. Jan 2018 15:25

Und wieder einmal ein Thread, der auf wundersame Weise verschwunden ist.
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Re: Marquis (1989)

Beitragvon horror1966 » 12. Jan 2018 15:26

"Marquis" ist die dritte Veröffentlichung des Independent Labels Bildstörung, das sich ja auf die Veröffentlichung ganz spezieller und aussergewöhnlicher Filme speziellisiert hat, wobei vorliegendes Werk sicherlich nicht nur aussergewöhnlich, sondern in seiner Machart schon ziemlich einzigartig sein dürfte. Thematisch ist die Geschichte an die pornographischen Schriften des Marquis de Sade angelehnt, wobei die Inszenierung wohl absolut einzigartig erscheinen dürfte. Agieren hier doch reale Schauspieler in aufwendig gestalteten Tiermasken, was für manche Zuschauer eventuell etwas gewöhnungsbedürftig erscheinen dürfte. Das kann man aber ganz generell über den gesamten Film sagen, der vollkommen abseits jeglichen Mainstreams angesiedelt ist und so wohl eher nur einer recht kleinen Zielgruppe seine Genialität offenbart.

Was Regisseur Henri Xhonneux hier in Zusammenarbeit mit Drehbuchautor Roland Topor geschaffen hat, gleicht einer bizzaren Fabel, die voller Gesellschaftssatire und sexueller Anspielungen daherkommt und dem Zuschauer so ein sexuell-frivoles Film-Erlebnis der ganz besonderen Art beschert. Hinzu kommen einige surrealistische Elemente, in denen die Tiere als Knetfigur-Animationen erscheinen, was die aussergewöhnliche Inszenierung noch einmal zusätzlich hervorhebt und als perfekte Ergänzung angesehen werden kann. So bekommt man ein insgesamt visuell berauschendes Szenario geboten, wie man es in dieser Form ganz sicher noch nicht gesehen hat und das insbesondere durch seinen bissigen Humor und die verschiedensten Tier-Figuren in Erinnerung bleibt. So wird beispielsweise der Marquis als Hund dargestellt, der sich fast ganzzeitig mit seinem eigenen Geschlechtsorgan unterhält, das auf den Namen Colin hört, oder ein Gefängniswärter wird als homosexuelle Ratte dargestellt, deren größter Wunsch es ist, vom Marquis sexuell befriedigt zu werden. Ansonsten sind aber auch noch Hähne oder Kühe mit von der Partie, so das man durchaus behaupten kann, das es sich hier um ein tierisches Film-Vergnügen handelt.

Allein schon vom künstlerischen Aspekt her handelt es sich bei diesem Film um ein kleines Meisterwerk und man kann lediglich erahnen, wiviel Arbeit nur in den aufwendig gestalteten Masken steckt, unter denen sich die Schauspieler befinden. Leider kann man über deren schauspielerische Leistung nicht viel sagen, da man ja die echten Gesichter und die damit verbundene Mimik nicht zu Gesicht bekommt, jedoch fällt das auch nicht sonderlich schwer ins Gewicht, da ansonsten soviel brillante Kunst geboten wird, das man über dieses kleine Manko durchaus hinwegsehen kann. Eine weitere große Stärke von "Marquis sind ganz sicher die äusserst frivol-witzigen Dialoge, die phasenweise auch mit einem enorm hohen Satire-Anteil versehen sind und somit als ein absolutes Highlight angesehen werden können. Und so kommt man insgesamt gesehen zu der Erkenntnis, das man sich der unglaublichen Faszination dieses einzigartigen Films nur schwerlich entziehen kann, vielmehr genießt man jede einzelne Passage des Geschehens und ist sichtlich beeindruckt von einer Inszenierung, die man in dieser Form noch nicht gesehen hat.

Das der Film jeden Geschmack treffen wird, wage ich jedoch zu bezweifeln, da es sich um eine extrem aussergewöhnliches Stück Film handelt, dessen Genialität sich ganz bestimmt nicht Jedem erschließt. Man muss hier schon ein recht ausgeprägtes Faible für das ganz Besondere haben, um dieses Werk auch in vollen Zügen genießen zu können. Wer jedoch eine Vorliebe für qualitativ hochwertige Filme hegt, die rein gar nichts mit dem üblichen Einheitsbrei zu tun haben, der kommt an diesem Werk ganz einfach nicht vorbei und sollte sich diesen wirklich einzigartigen Film-Spaß unbedingt anschauen.


Fazit:


"Marquis" ist wohl einer der mit Abstand aussergewöhnlichsten Filme, die man je zu Gesicht bekommen hat. Auch, wenn man sich stellenweise an einen Puppenfilm erinnert fühlt, sollte man nicht vergessen, das hier reale Schauspieler agieren, deren Gesicht lediglich unter fantastisch gestalteten Tiermasken verbergen. Das gesamte Geschehen strotzt nur so vor Satire, Witz und frivolen Anspielungen, die dem Zuschauer auch so manchen Schmunzler entlocken. Und so kann man wohl ohne jede Übertreibung festhalten, das es sich hier um ein visuell berauschendes Stück Film handelt, an dem jeder Liebhaber des Einzigartigen seine helle Freude haben dürfte.


8,5/10
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Re: Marquis (1989)

Beitragvon DriesVanHegen » 12. Jan 2018 17:42

War schon verwundert, weshalb der noch nicht eingetragen war :?
Du hast ja eigentlich alle Titel von BS eingetragen!?
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Re: Marquis (1989)

Beitragvon horror1966 » 12. Jan 2018 18:31

DriesVanHegen hat geschrieben:War schon verwundert, weshalb der noch nicht eingetragen war :?
Du hast ja eigentlich alle Titel von BS eingetragen!?



Mittlerweile beziehe ich ja schon länger nicht mehr von BS, aber bis einschließlich Drop Out 24 hatte ich alles rezensiert.
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Re: Marquis (1989)

Beitragvon trebanator » 13. Jan 2018 15:14

.... Dieser "Dries`sche Avatarvorleger" ist ein echtes Brett. War damals echt geflasht. Ein ganz besonderes Filmchen !

...... P.S.: Der Preis und damit amtierender Gewinner für das beste Avatar-Bild, ist geht bzw. ist immer nich unser Driesi :D
...: Die Wählerschaft, die Komission, Jury , Schlichterstelle usw., bin übrigens immer noch ausschließlich ich in Personalunion :mrgreen:
... He, who makes a Beast of himself , get`s rid of the pain of being a human !
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Re: Marquis (1989)

Beitragvon OpFeRmEtZgEr » 13. Jan 2018 19:34

10/10
Diesen abgedrehten Film sollte man gesehen haben.
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Re: Marquis (1989)

Beitragvon DriesVanHegen » 14. Jan 2018 18:55

Colin ist eben einfach ein Schatz 8-)
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